Haarersatz für Lüdenscheider
Erst schleichender Haarausfall, dann die Diagnose: Eine Lüdenscheiderin berichtet, wie sie mit einer seltenen Erkrankung lebt – und was ihr geholfen hat.
Lüdenscheid – Die Anzeichen kamen schleichend. Mit leichtem Haarausfall ging alles los. „Etwas stimmte nicht, meine Haare wurden langsam immer weniger“, erinnert sich eine 70-jährige Lüdenscheiderin. Jeder Mensch verliere durchschnittlich 50 bis 100 Haare pro Tag; fallen aber mehr als 100 Haare täglich aus, dann spreche man von Haarausfall. „Letzteres war bei mir der Fall“, so die Seniorin, die anonym bleiben möchte. Zunächst sei sie zum Hausarzt gegangen. Der habe ihr Blut untersucht, aber nicht wirklich was festgestellt. Der Ausfall der Haare sei hingegen weitergegangen, erinnert sie sich.
Dann habe sie einen Hautarzt aufgesucht, der ihr Haar mit dem Mikroskop analysiert habe. Sie solle mal abwarten, hieß es. Empfohlen habe man ihr eine Tinktur namens Minoxidil oder auch Tabletten gegen eine Entzündung der Kopfhaut. „Geholfen hat das alles nicht. Zudem sind solche Mittel wie diese Tinktur kostspielig“, erklärt die Rentnerin. Die Tabletten hat ihr immerhin der Arzt als Rezept verschrieben. Irritiert hat sie aber, dass kein Mittel eine Wirkung gezeigt habe. Der Haarausfall ging langsam, aber stetig weiter. Und das nicht nur auf dem Kopf, sondern am gesamten Körper.
Die Seniorin gab sich nicht zufrieden mit den Mitteln und den Ergebnissen der Ärzte. „Die Tabletten wollte ich nicht dauerhaft nehmen, weil sie starke Nebenwirkungen haben. Und hinterher ist die Einnahme gar noch sinnlos.“ Um mehr Klarheit über ihren rätselhaften Haarausfall zu bekommen, haben sie angefangen zu googeln und die Hilfe einer KI in Anspruch zu nehmen. So sei sie auf die Erkrankung Alopecia universalis gestoßen. Alopecia universalis sei die extreme Form der kreisrunden Haarausfallerkrankung (Alopecia areata), die zum vollständigen Verlust der Kopf- und Körperbehaarung führt. Als Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem fälschlicherweise die Haarfollikel an. Symptome umfassen kahle Stellen, oft begleitet von Juckreiz, sowie den Verlust von Wimpern und Augenbrauen.
„Gegen diese Krankheit gibt es zwar verschiedene Therapien, sie ist aber nicht vollständig heilbar. Gegen diese Krankheit gibt es kein Medikament“, weiß die Seniorin jetzt. Blieb nur noch eins: Hilfe bei einer Expertin für Haarersatz suchen. Fündig wurde die Lüdenscheiderin bei Anna Szymanska, die damals noch ihren Laden „Haarkonzept Anna“ an der Knapper Straße führte. Heute hat Symanska zusammen mit Tochter Jennifer Koschnik die Modeboutique „Secret Style“ an der Friedrichstraße eröffnet. Und neben Mode und Accessoires finden Kunden dort auch das Haarersatzgeschäft „Velvet Hair Solutions“, das von der Mutter geleitet wird.
„Ich bin glücklich, dass es das Geschäft für Haarersatz hier in Lüdenscheid gibt“, findet die Seniorin. Denn Ende November 2024 war es dann so weit: Es sei die Alopecia diagnostiziert worden. Der Haarverlust schritt weiter voran. Glücklicherweise sei bislang nicht das gesamte Kopfhaar betroffen, sagt sie. Und trotzdem: „Ich benötigte meinen ersten Haarersatz.“ Glücklicherweise habe der Arzt ihr für ihre erste Perücke ein Rezept ausgestellt, sagt die 70-Jährige. Die Krankenkasse habe deshalb den Großteil der Kosten übernommen. Natürlich sei das eine riesengroße psychische Belastung gewesen. „Meine Haare waren mir immer wichtig. Blonde, lange Haare habe sie gehabt“, blickt sie zurück.
Für die Verschreibung von Haarersatz zum Beispiel kursieren Gerüchte, dass dieser nur im Fall einer Chemotherapie von den Kassen übernommen wird.
Anna Szymanska, Inhaberin „Velvet Hair Solutions“
Umso wertvoller sei es gewesen, dass sie bei Anna so eine familiäre und positive Umgebung gefunden hätte. „Das hat mir Ruhe und Zuversicht gegeben. Dass ein Leben auch mit Haarersatz möglich ist.“ Gemeinsam mit Anna Szymanska sei dann die erste Perücke ausgesucht worden, blickt die Seniorin zurück. „Die erste Frisur ging ziemlich schnell. Ich war froh, dass ich auf Anhieb etwas gefunden habe.“ Die erste Perücke habe doch sehr ihren originalen Haaren entsprochen. „Mir fiel ein Stein vom Herzen“, erinnert sich die 70-Jährige heute. Die psychische Belastung sei damals groß gewesen, fügt sie hinzu.
Dass die Krankenkasse die Kosten für ein Haarteil übernehme, sei nicht immer der Fall, erklärt Anna Szymanska. Leide eine Frau, die bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert ist, an Haarausfall, sei es aus hormonellen, medikamentösen oder anderen Gründen, würden die Kosten für Haarersatz ganz oder teilweise von der Krankenkasse übernommen, weiß die Toupet-Expertin. „Bei Männern hingegen ist eine Kostenübernahme der Krankenkassen nur in Einzelfällen denkbar und möglich“, weiß Szymanska. Jedenfalls dann, wenn der Haarverlust stark von der gesellschaftlich akzeptierten Norm abweicht und bei objektiver Betrachtung für Dritte entstellend wirkt, fügt sie hinzu.
Beispielsweise, wenn der Haarverlust nicht allein die Kopfbehaarung, sondern auch die übrige Behaarung des Kopfes wie Augenbrauen, Wimpern und Bart erfasst. Bei Kindern und Jugendlichen seien die Kassensätze in der Regel etwas höher. „Für die Verschreibung von Haarersatz zum Beispiel kursieren Gerüchte, dass dieser nur im Fall einer Chemotherapie von den Kassen übernommen wird“, kritisiert die Geschäftsinhaberin. Das sei nicht der Fall, denn Haarersatz diene dazu – so die Definition gemäß des Spitzenverbandes der Krankenkassen –, eine Behinderung auszugleichen, fügt sie hinzu.
„Gut ein Mal pro Jahr benötigt man eine neue Perücke“, sagt Szymanska. Sonnenlicht und andere Umwelteinflüsse hinterließen ihre Spuren an dem Haarteil, das ja jeden Tag im Einsatz sei. Es gebe für die Pflege ein spezielles Haarersatz-Shampoo. Durch regelmäßiges Waschen bleibe das Haartteil stets in Form. Es gebe viele Perückenarten – von Kunsthaar bis Echthaar, aber auch Kombinationen aus beiden, erklärt sie. Beispielsweise aus hitze- und farbbeständiger Kunstfaser. Das sei für alle Haarlängen gut geeignet, könne durchgehend getragen werden und weise nur wenig Materialermüdung durch Reibung und Umwelteinflüsse auf. Zudem kann es gut geföhnt werden und hat eine optimale Farbbeständigkeit. Naturbelassenes Echthaar sei auch für alle Haarlängen gut geeignet; es könne gut konstant getragen werden. Nur gebe es hier einen erhöhten Pflegeaufwand, ergänzt sie.
Dass man seine Perücke gut pflegen müsse, bestätigt auch die 70-jährige Lüdenscheiderin. Und dass nach einem Jahr „der Lack ab ist“. In jüngster Vergangenheit hat sie deshalb dann ihr zweites Haarteil bestellt. Wimpern und Augenbrauen seien noch nicht so stark betroffen. Mittlerweile sei das psychisch gesehen für sie nicht mehr so schlimm. „Die Auswahl der zweiten Perücke hat etwas länger gedauert. Ich wollte einen neuen Haarschnitt“, sagt sie. Im Bekannten- und Freundeskreis hätten viele noch gar nicht bemerkt, dass sie ein künstliches Haarteil trage. Und wenn, dann sei es sehr wohlwollend aufgenommen worden. Aber klar, die Frage, ob sie Krebs habe, sei auch gestellt worden. Ihr Ehemann nehme es mittlerweile mit Humor: Er habe ihr vorgeschlagen, zur Abwechslung mal ein rotes Haarteil auszuwählen.
2026-04-19T09:54:24Z