ZAHNäRZTE ERKENNEN SELTENE KRANKHEITEN UND LEITEN EINE BEHANDLUNG EIN

Zahnmedizin rettet Leben

Zahnärzte erkennen seltene Krankheiten und leiten eine Behandlung ein

Eine Zahnärztin entdeckt eine seltene Autoimmunerkrankung bei einer Patientin. Die rechtzeitige Überweisung ermöglicht eine lebensrettende Therapie.

Frankfurt – Mit schmerzhaften Blasen am Fuß fing bei Maria Hans, die in Wirklichkeit ganz anders heißt, alles an. Blasen am Bauchnabel kamen hinzu. Der Hautarzt habe Cortison verschrieben, was aber immer nur zeitweilig geholfen habe, sagt die 55 Jahre alte Patientin. Dann bekam sie Blasen im Mund. Ihre Zahnärztin habe zunächst an Aphten gedacht. Doch weil die schmerzhaften offenen Stellen nicht verschwinden wollten, hat die Zahnärztin schnell reagiert. Sie überwies Maria Hans an das Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universitätsklinik Frankfurt, das von Professor Dr. Frank Schwarz geleitet wird.

Telefonaktion

Infektionen im Mundraum können Hinweisgeber auf andere Erkrankungen sein. Im Extremfall können sie lebensgefährlich werden. Prävention ist daher ein wichtiges Thema, denn je früher Symptome im Mundraum erkannt und richtig gedeutet werden, desto gezielter kann Patienten geholfen werden. Deshalb bietet die Universitätsklinik Frankfurt mit der FNP als Medienpartner eine Bürger-Telefonaktion an. Am Mittwoch, 6. Mai, stehen dafür Professor Dr. Dr. Rober Sader und Professor Dr. Frank Schwarz zwischen 10 und 12 Uhr persönlich zur Verfügung. Erreichbar sind sie unter der Telefonnummer (069) 630 18 45 55.

In der Mundschleimhaut-Sprechstunde traf sie auf Zahnärztin Paula Liersch, die schnell den richtigen Verdacht hatte. Eine seltene, blasenbildende Autoimmunerkrankung, das bullöse Pemphigoid, ist für die Beschwerden von Maria Hans verantwortlich. Nachdem in Hautproben der Nachweis von Autoantikörpern gelang, zog die Zahnärztin die Dermatologie der Uniklinik hinzu, die Maria Hans zunächst stationär aufnahm. „Da hat endlich mal jemand wirklich nach einem geguckt“, ist Maria Hans noch jetzt froh. Während sie früher nur gehört habe, damit müsse sie leben, habe sie nun erfahren: „Da gibt’s was, was man tun kann.“

Heute wird sie ambulant begleitet und kommt auch immer wieder in die Mundschleimhaut-Sprechstunde, wo mit Fotos der Verlauf dokumentiert wird. Sie sei „echt total froh“, dass ihre Zahnärztin sie damals hierher schickte, sagt die Patientin.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Zahnmedizin mit anderen medizinischen Fachbereichen werde zunehmend wichtiger, erläutert Professor Schwarz. Immer besser belege die Forschung den Zusammenhang von hartnäckigen Infektionen im Mundraum mit systemischen Erkrankungen. Damit wachse die Verantwortung der Zahnärzte, dafür einen Blick zu entwickeln und im Zweifelsfall Patienten an entsprechende Spezialisten zu überweisen. In Amerika spreche man inzwischen nicht mehr engführend von Zahn- und Kieferheilkunde, sondern von „Oral Health“, also Mundgesundheit. Dahinter steht die Erkenntnis: Gibt es in diesem Bereich Probleme, kann das im Einzelfall Auswirkungen auch an ganz anderer Stelle des Körpers haben.

Für Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, die Herz und Blutgefäße betreffen, oder auch für Frühgeburten sei der Zusammenhang schon länger bekannt, sagt Schwarz. Doch auch bei Alzheimer oder Autoimmunerkrankungen sind Infektionen in der Mundhöhle zumindest als Verstärker in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Eine Konsequenz müsse sein, dass Humanmediziner in ihrer Ausbildung auch grundlegendes Wissen über Zahnmedizin vermittelt bekommen sollten, fordert Schwarz.

Die Infektion im Mundraum, die für Lisa Haupt lebensbedrohlich wurde, hatte dagegen ihre Ursache klar in ihrem desolaten Gebiss. Die ebenfalls hier mit Pseudonym versehene Patientin von Professor Dr. Dr. Dr. Robert Sader, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie an der Frankfurter Uni-Klinik, hatte aufgrund einer Zahnarzt-Phobie über Jahre in keinem Behandlungsstuhl Platz genommen. Als sich schließlich unterhalb des Kiefers ein dicker Eiterabszess aufgrund einer infizierten Zahnwurzel bildete, habe sie zunächst geglaubt: „Das geht schon wieder zurück“, sagt die 51-Jährige. Doch mit ihrer Gesundheit ging es rapide bergab und sie musste in einer Zahnklinik Hilfe suchen.

Ein besonders schwerer Fall

Aufschneiden und Absaugen halfen allerdings nicht ausreichend, so dass sie in die Uniklinik eingewiesen wurde. Hier habe man schnell handeln müssen. „Noch in der Nacht bin ich operiert worden“, berichtet Lisa Haupt. Der Eiter habe sich in mehrere anatomische Räume im Halsbereich ausgebreitet, die Schwellung drohte, die Luftröhre abzudrücken. „Dann muss man schnell reagieren“, sagt Professor Sader. Bei der OP in Vollnarkose wurden die Eiterherde ausgeräumt, drei Drainagen gelegt und auch die Zähne extrahiert, die nicht zu retten waren.

Derartige Folgen von stark vernachlässigter Zahnpflege und Mundhygiene sehe er „zweimal die Woche“, sagt Sader. Für ihn ein Grund mehr, wie sein Kollege Schwarz verstärkt auf das Thema Prävention hinzuweisen. Denn vieles ließe sich vermeiden oder zumindest besser behandeln mit mehr Aufklärung und entsprechend angemessenem Handeln, sind sich die beiden einig. Dabei sind nicht nur die Patienten gefordert. Zahnärzte sollten bei länger als zwei Wochen andauernden Infektionen Zusammenhänge mit anderen gesundheitlichen Beschwerden erwägen und Spezialisten zurate ziehen, werben Sader und Schwarz.

2026-05-04T10:00:43Z