LUNGENäRZTIN WARNT: „RAUCHEN IST EIN VERMEIDBARES GESUNDHEITSRISIKO“

Gesundheitspolitik im Fokus

Lungenärztin warnt: „Rauchen ist ein vermeidbares Gesundheitsrisiko“

Seit den Vorschlägen der Gesundheitskommission ist eine Erhöhung der Tabaksteuer wieder in den Fokus gerückt. Wie sinnvoll ist dieses Vorhaben und was muss beim Thema Lungengesundheit noch alles passieren? Eine Münchner Lungenärztin im Interview.

Mehr Prävention, größerer Fokus auf Lungengesundheit: Prof. Dr. Kathrin Kahnert, niedergelassene Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Klinikum der Ludwig Maximilians Universität München, erklärt im Gespräch mit dem Münchner Merkur, welche politischen und gesellschaftlichen Stellschrauben gedreht werden müssen.

Frau Kahnert, muss ich bei jedem Husten gleich zum Lungenarzt?

Husten wird in unserer Gesellschaft oft nicht so ernst genommen. Doch er ist ein Symptom von vielen Lungenerkrankungen: COPD, Lungenkarzinom, Asthma, Lungenfibrosen. Husten länger als sechs Wochen ist abklärungsbedürftig.

Lungengesundheit haben also viele Menschen nicht auf dem Schirm. Warum?

Das Problem ist, dass wir die Lunge in den Check-ups nicht gut abbilden. Das fängt schon in der Kindheit an: Beim Kinderarzt machen alle einen Test aufs Hören und Sehen – ein Test der Lungenfunktion ist nicht routinemäßig vorgesehen. Und auch beim Check-up ab 35 Jahren wird die Lungengesundheit ungenügend abgefragt. Hier bräuchte es einen Screening-Fragebogen, um Risikopatienten identifizieren zu können. Aktuell diagnostizieren wir Lungenerkrankungen oft viel zu spät.

Die Lunge hat also keine große Lobby. Sind Sie deswegen Lungenärztin?

Mein Opa war Raucher und als er dann an einem Lungenkarzinom gestorben ist, war ich noch in der Schule. Ich habe damals schon mitbekommen, dass es sehr wenige Lungenärzte gab. Das war ein Grund für meine Entscheidung. Noch heute gibt es zu wenig Pneumologen für Betroffene. Deshalb engagiere ich mich auch im Verein Jahrzehnt der Lunge.

Wo sehen Sie den größten Präventionsbedarf?

In Deutschland vernachlässigen wir leider immer noch die Primärprävention – insbesondere die Tabakprävention, da das Rauchen für die Lunge das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko darstellt.

Welche politischen Stellschrauben müssen da noch gedreht werden?

Wir müssen dafür sorgen, dass junge Menschen gar nicht erst anfangen zu rauchen. Dann müssen wir den Menschen, die bereits rauchen – das sind etwa 50 bis 60 Prozent meiner Patienten – helfen. Rauchen ist eine der am weitesten verbreiteten Suchterkrankungen, die wir haben. Und für die Nicht-Raucher brauchen wir Schutzmaßnahmen, wie mehr Rauchverbote.

Seit dem 1. April gibt es kostenlose Lungenscreenings für starke Raucher. Für Nicht-Raucher wirkt das ungerecht.

Das Lungenkrebsscreening wurde für starke Raucher eingeführt, weil in dieser Risikopopulation in den Studien gezeigt wurde, dass das Screening sinnvoll ist. Bei Nicht-Rauchern haben wir diese positiven Daten nicht und schaden ggf. mehr, wenn Nicht-Raucher jährlichen CT-Untersuchungen ohne Anlass ausgesetzt sind.

Kostenlose Lungenscreenings

Wer lange stark geraucht hat, kann künftig jährlich an einer kostenlosen Untersuchung zur Früherkennung von Lungenkrebs teilnehmen. Ab April haben Betroffene Anspruch auf die Untersuchung mittels Niedrigdosis-Computertomographie (CT). Das Angebot richtet sich an aktive und ehemalige Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren. Es geht nur um Zigaretten, nicht um andere Tabakprodukte. Ziel ist es, bei dem besonders gefährdeten Kreis Lungenkrebs möglichst früh zu erkennen. Die Menschen müssen mindestens 25 Jahre ohne lange Unterbrechung geraucht haben und mindestens 15 Packungsjahre haben. Die Packungsjahre errechnet man, indem man die Zahl der pro Tag gerauchten Zigarettenpackungen mit der Zahl der Raucherjahre multipliziert.

Zur Senkung der Gesundheitskosten hat die zuständige Kommission eine Erhöhung der Tabaksteuer ins Spiel gebracht. Jetzt ist die Rede davon, dass mit der Tabaksteuer die Senkung der Spritsteuer gegenfinanziert werden soll. Ist das sinnvoll?

Ich glaube, dass das Gesundheitssystem von einer Erhöhung der Tabaksteuer profitieren könnte. So hätten wir eine niedrigere Krankheitslast beim Patienten. Aus meiner Sicht sollten die Einnahmen durch eine Erhöhung der Tabaksteuer nicht für eine Senkung der Spritpreise eingesetzt werden, sondern dem Gesundheitssystem zugutekommen und es entlasten.

Laut einer Umfrage sind aber nur 51 Prozent für höhere Steuern auf Tabak und Alkohol.

Wir haben 131.000 Todesfälle im Jahr durch oder mit Tabakrauch. Das kann man nicht wegreden und deswegen müssen wir etwas dagegen tun.

Ein Rauchverbot für alle ab 18 Jahren, wie Neuseeland es durchbringen wollte: radikal oder hilfreich?

Wäre es gekommen, hätten wir Daten dazu, ob es auch umsetzbar ist. Aber zum Beispiel auch England wird immer strikter. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, braucht es restriktivere Maßnahmen.

Viele junge Menschen greifen statt zur Zigarette lieber zu fruchtigen Vapes. Wie besorgt sind Sie?

Das Marketing für Vapes und E-Zigaretten ist hervorragend und greift genau die Zielgruppe an, die sie möchten: junge Menschen. Sie werden mit bunten Farben und süßen Geschmäckern gelockt. Es gibt immer mehr Daten, die negative Auswirkungen der Vapes auf die Lungengesundheit zeigen. Daher bin ich natürlich sehr besorgt.

Wie muss da eingelenkt werden?

Die Verpackungen dürfen keine Kinder und Jugendlichen mehr ansprechen und es braucht Werbeverbote und bessere Alterskontrollen. Zudem dürfen Vapes nicht günstiger als konventionelle Zigaretten sein.

Interview: Leonie Hudelmaier

2026-04-23T08:37:58Z