Cholesterin überschätzt?
Millionen Deutsche kennen ihren Cholesterinwert – doch der reicht nicht. Ein anderer Blutwert könnte Herzinfarkte und Schlaganfälle viel besser vorhersagen.
Evanston – Jedes Jahr sterben in Deutschland Zehntausende Menschen an Herzinfarkten – obwohl viele von ihnen regelmäßig beim Arzt waren und ihren Cholesterinwert kannten. Genau das ist das Problem: Der klassische Blutfetttest reicht offenbar nicht aus. Eine neue Studie im renommierten Fachjournal Journal of the American Medical Association (JAMA) zeigt, warum – und welcher Wert künftig Leben retten könnte. Ein unterschätzter Einfluss für Herz-Kreislauf-Erkrankungen scheint außerdem ein Faktor in der Nacht zu sein.
Seit Jahrzehnten messen Ärztinnen und Ärzte beim Routine-Blutbild Gesamtcholesterin, LDL, HDL und Triglyceride, um das Herzrisiko ihrer Patienten einzuschätzen. Wer einen LDL-Wert über 100 mg/dL (100 Milligramm pro Deziliter) hat, kommt laut bisheriger Praxis für eine intensivere Behandlung in Frage.
Doch dieser Ansatz scheint eine entscheidende Lücke zu haben: Er misst nur, wie viel Fett in den Blutpartikeln steckt – nicht, wie viele dieser gefährlichen Partikel tatsächlich durch die Adern zirkulieren. Genau dort setzt Apolipoprotein B an, kurz ApoB. Dieses Eiweiß sitzt auf jedem einzelnen schädlichen Blutfettpartikel – auf LDL, VLDL und IDL – und zählt sie damit direkt.
Wer ApoB misst, sieht ein vollständigeres Bild. Zwei Menschen können denselben LDL-Wert haben und trotzdem ein völlig unterschiedliches Herzrisiko tragen – je nach Anzahl der tatsächlich zirkulierenden Partikel. „Das kardiovaskuläre Lipidrisiko lässt sich am besten durch die Kombination aus ApoB-Partikelzahl und Lipoprotein(a) abbilden“, stellten Jakob Morze, Experte für kardiovaskuläre Epidemiologie von der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg und sein Team bereits im Jahr 2025 in ihrer Studie im European Heart Journal fest.
Einen entscheidenden Schritt weiter geht die im April 2026 im JAMA veröffentlichte Studie von Ciaran Kohli-Lynch und seinem Team an der Northwestern University. Die Forscher simulierten mithilfe eines Computermodells 250.000 US-amerikanische Erwachsene ohne vorherige Herzerkrankung und verglichen drei Behandlungsstrategien: Therapiesteuerung nach LDL, nach Non-HDL-Cholesterin und nach ApoB.
Das Ergebnis ist eindeutig: Die ApoB-gestützte Strategie verhinderte 1.018 Herzinfarkte und Schlaganfälle mehr als der LDL-Standardansatz und brachte 1.324 zusätzliche gesunde Lebensjahre. „Wir haben festgestellt, dass ApoB-Tests zur Intensivierung der cholesterinsenkenden Medikation mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern würden als die aktuelle Praxis – und dass dieser Nutzen zu Kosten erzielt wird, die für das Gesundheitssystem einen guten Wert darstellen“, so Kohli-Lynch laut dem American Council on Science and Health. Dabei intensivierte die ApoB-Strategie die Therapie bei 64 Prozent der Patienten – gegenüber 50 Prozent beim Standard-LDL-Ansatz.
Das Thema ist nicht zufällig gerade jetzt aktuell: Im März 2026 aktualisierten das American College of Cardiology und die American Heart Association ihre Dyslipidämie-Leitlinien und werteten ApoB darin deutlich auf. Kliniker sollen früher behandeln, präziser messen und bei Bedarf aggressiver eingreifen – ApoB spielt dabei eine zentrale Rolle. Einen enormen Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Kindern hat ein ganz anderer Aspekt.
Trotzdem ist der Test noch kein Bestandteil der Standard-Blutfettmessung in deutschen Arztpraxen, wie auch das Fachmagazin IT Boltwise berichtet. Dabei lässt er sich bereits heute per einfachem Bluttest bestimmen. Normalwerte liegen für Frauen zwischen 60 und 141 mg/dl, für Männer zwischen 66 und 144 mg/dl. Eine neue KI könnte bei der Früherkennung von Herzinfarkten ebenfalls einen wichtigen Nutzen bringen. (Quelle: Journal of the American Medical Association, American Council on Science and Health, European Heart Journal) (va)
2026-04-23T07:27:32Z