Die Zuckersteuer wird von der WHO empfohlen, viele Länder haben sie bereits eingeführt. Trotzdem ist ihre Wirkung umstritten. Forschende beantworten die zentralen Fragen.
Die Bundesregierung plant die Einführung einer Extraabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke. Voraussichtlich ab 2028 sollen Getränke, die mit Zucker gesüßt sind, mit einer Sondersteuer belegt werden, die Cola, Limonaden, Eistees, Energydrinks und Co. verteuern dürften. Damit sollen Mehreinnahmen von jährlich 450 Millionen Euro für die Krankenkassen generiert werden, das Gesundheitssystem von Folgeerkrankungen einer zuckerlastigen Ernährung entlastet und vor allem der Konsum des aus Expertensicht – im Übermaß genossen – ungesunden Lebensmittels reduziert werden.
In den entwickelten Industriestaaten, so auch in Deutschland, wird Zucker im Übermaß konsumiert. Mehr als 90 Gramm pro Tag und Person sind nach Expertenansicht deutlich zu viel. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt 25 Gramm. Das halten selbst Fachleute für sehr ambitioniert und empfehlen stattdessen, eher um die 50 Gramm am Tag zu sich zu nehmen, was immer noch fast eine Halbierung wäre.
Die angekündigte Zuckersteuer auf Getränke soll nach dem Vorbild anderer Länder den Zucker teurer machen und so die Lebensmittelindustrie motivieren, ihre Rezepturen zu ändern und weniger Zucker zu verwenden, vor allem in Softdrinks.
Zucker per se ist erstmal nicht das große Problem. Marc Tittgemeyer, Neurowissenschaftler
Doch worin bestehen die Gesundheitsrisiken der süßen Kristalle und Sirups? „Zucker per se ist erstmal nicht das große Problem“, sagte Marc Tittgemeyer, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Neurowissenschaften am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln kürzlich auf einer Veranstaltung des Science Media Centers (SMC). „Nur wenn wir zu viel essen, dann führt das langfristig zu Übergewicht mit erheblichen Konsequenzen für unsere Gesundheit. Es führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, pulmonalen Erkrankungen, Arthrose, teilweise Krebserkrankungen.“
Vor allem Adipositas und Diabetes stehen als langfristige Folgen für die Gesundheit im Fokus. So zeigte eine Studie, dass die in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg geltende Zuckerrationierung einen Effekt auf die Diabetes-Häufigkeit hatte. Kinder, die nach dem Ende der Zuckerrationierung geboren wurden, entwickelten später deutlich häufiger einen Diabetes als Kinder, die während der Rationierung auf die Welt kamen.
Da eine Zuckersteuer bereits in mehreren Staaten eingeführt wurde, gibt es für die Forschung gute Referenzobjekte, wie sich eine solche Maßnahme auswirkt. „Die Preise verändern sich relativ unmittelbar, nachdem eine Steuer eingeführt wurde“, sagt Karl Emmert-Fees, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Professur für Public Health und Prävention an der Technischen Universität München (TUM) dem SMC. Manchmal auch schon früher: Aus Großbritannien gibt es Studien, die zeigen, dass die Veränderung der Rezepturen bereits eingesetzt hat, nachdem die Steuer nur angekündigt wurde.
Die Frage, wie sich diese Veränderungen auf die öffentliche Gesundheit auswirken, ist dagegen weniger klar zu beantworten. „Je weiter man sich zeitlich von der Verabschiedung der Steuer entfernt, desto schwieriger wird es, die beobachteten Veränderungen mit der Steuer in einen kausalen Zusammenhang zu bringen“, sagt Emmert-Fees. Die Entwicklung eines Diabetes dauere Jahrzehnte. „Mögliche Effekte zeigen sich also erst nach zehn, zwanzig Jahren.“
Eine Zuckersteuer könnte über zwanzig Jahre circa 250.000 Diabetesfälle verhindern. Karl Emmert-Fees, Gesundheitsökonom
Deshalb nutze man Modellierungen, um diese Zeitlücken zu überbrücken und langfristige Prognosen zu stellen, sagt der Gesundheitsökonom. „Es wäre unrealistisch zu denken, dass die Leute nun plötzlich zwei Kilogramm abnehmen.“
Ein Team der TU München berechnete für eine Studie in PLOS Medicine die gesundheitlichen und ökonomischen Effekte, die eine Zuckersteuer in Deutschland haben kann. Eines der Hauptergebnisse: Eine Steuer nach britischem Vorbild könnte dazu führen, dass aus Softdrinks im Durchschnitt circa zwei bis drei Gramm weniger Zucker pro Tag aufgenommen werden und „dass das langfristig über zwanzig Jahre circa 250.000 Diabetesfälle verhindern könnte“, sagt Studienleiter Karl Emmert-Fees.
Die Fokussierung auf einzelne Nährstoffe hat keine nachweisbaren Effekte auf das Übergewicht. Wirtschaftliche Vereinigung Zucker
Kritiker, darunter wenig überraschend die Zuckerproduzenten, bemängeln, dass es keine eindeutigen Belege gebe für den Zusammenhang von Zuckerkonsum und Erkrankungen wie Adipositas. „Viele Faktoren haben Einfluss auf die Entstehung von Übergewicht und Adipositas. Am Ende entscheidet die Kalorienbilanz“, schreibt die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker, der Branchenverband. „Die Fokussierung auf einzelne Nährstoffe hat keine nachweisbaren Effekte auf das Übergewicht.“
Dass es noch keinen eindeutigen Beweis für diesen Zusammenhang gibt, räumen auch Forschende ein. In den Modellierungen seien Annahmen enthalten, dass diese Zusammenhänge kausal sind, sagt Karl Emmert-Fees. Doch diese Unsicherheiten würden in den Berechnungen berücksichtigt.
Ein Effekt der Zuckersteuer sei hingegen mittlerweile belegt. Britische Studien zeigten, dass ein verringerter Zuckerkonsum bei Kindern und Jugendlichen einen Einfluss auf das Körpergewicht habe – vor allem bei jungen Mädchen. Untersuchungen in Mexiko und den USA kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Allerdings auch hier vornehmlich bei jungen Mädchen, nicht aber bei Jungen in dieser Altersgruppe. Ein möglicher Erklärungsansatz dafür sei, dass die Werbung beispielsweise für Energydrinks besonders auf Jungen ausgerichtet ist, vermutet Emmert-Fees.
Eine Steuer, die richtig gesetzt ist, ist in der Lage, den Zuckergehalt in Produkten zu reduzieren. Sarah Forberger, Präventionsforscherin
„Bei Erwachsenen gibt es keine konsistenten Effekte“, sagt der Gesundheitsökonom. „Das liegt daran, dass der Konsum dieser Getränke vor allem unter Kindern und Jugendlichen so hoch ist.“
Auch Marc Tittgemeyer vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung sieht offensichtliche Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit. „Es gibt erhebliche Evidenzen dafür, dass zu viel Konsum von Zucker für unsere Gesundheit nicht zuträglich ist.“ In Deutschland seien mittlerweile sechzig Prozent der Bevölkerung übergewichtig. „Allein Diabetes- oder Adipositas-Raten liegen bei zwanzig bis dreißig Prozent.“
„Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit kann die Steuer auf zuckergesüßte Getränke ein Instrument sein, um den Zuckerkonsum zu senken“, sagt Sarah Forberger vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen. Allerdings müsse man sich klar machen, wozu die Abgabe dienen soll: Gehe es darum, in die Kaufentscheidung einzugreifen, mit dem Ziel, Übergewicht und Folgeerkrankungen zu reduzieren? Oder sei das Ziel die Generierung von Steuereinnahmen?
Ersteres sei sinnvoller, meint Sarah Forberger: „Grundsätzlich ist die Besteuerung von Getränken ein guter Startpunkt, da flüssige Kalorien weniger satt machen und bei Jugendlichen und Kindern überproportional gern genutzt werden.“ 2023 seien laut dem Statistikportal Statista über Softdrinks etwa 23 Gramm Zucker pro Tag pro Kopf konsumiert worden. „Das ist wirklich eine große Menge, und wenn wir auf die Steuern in Großbritannien schauen, ist eine Steuer, wenn sie richtig gesetzt ist, in der Lage, den Zuckergehalt in Produkten zu reduzieren.“
Laut dem Branchenverband der Zuckerbranche zeigten die Erfahrungen in Großbritannien, „dass Zucker vermehrt durch Süßstoffe ausgetauscht wird.“ Die Präventionsforscherin Sarah Forberger sagt dazu, dass die Forschungslage noch sehr dünn sei. „Es wird jetzt erst angefangen, das zu beforschen. Aber bereits die WHO weist darauf hin, dass, wenn wir über Besteuerung reden, wir auch über die Nutzung von Süßstoff nachdenken müssen.“
Noch wisse man nicht ausreichend darüber, wie sich Süßstoffe langfristig auswirken, weil das Spektrum an Zuckerersatzstoffen unglaublich groß sei, sagt Neurowissenschaftler Marc Tittgemeyer. „Bestimmte Zuckerersatzstoffe, wie Sucralose, haben einen kontraproduktiven Effekt, weil sie dem Gehirn suggerieren, dass jetzt Kalorien kommen. Kommen die nicht, reagiert das Gehirn mit Hungersignalen.“ Man esse deshalb eher mehr.
Ein anderer Zuckerersatzstoff ist Fruktose, die in den USA Mitte der 1970er Jahre eingeführt wurde, um Glukose zu ersetzen. „Dieses Feldexperiment hat gezeigt, dass das eher zu noch mehr Diabetes führt“, sagt Tittgemeyer. Denn Fruktose wird nicht verstoffwechselt wie Glukose, sondern direkt in Fett umgewandelt, im Wesentlichen in der Leber. „Viel Leberfett führt schnell zu Diabetes und die Leute werden eher noch kranker oder übergewichtiger.“
Gerade wegen dieser Wirkungen von Zuckeraustauschstoffen sollte es das Ziel der Prävention sein, die Süße in Lebensmitteln generell herunterzuregulieren, sagt Sarah Forberger.
2026-04-29T17:44:35Z