GESUNDHEITSREFORM: WARUM WIR BEIM THEMA PHARMAINNOVATION GERADE DEN ANSCHLUSS VERLIEREN

Die pharmazeutische Industrie war bisher ein Garant für medizinischen Fortschritt und Wohlstand in Deutschland. Mit rund 130.000 Arbeitsplätzen, Milliardeninvestitionen in Forschung und Entwicklung und einem Exportvolumen von mehr als 115 Milliarden Euro jährlich ist sie ein Wirtschafts- und Wachstumsmotor.

Die Finanzierung der GKV langfristig zu sichern, ist ein zentrales Anliegen. Die jetzt vorgesehenen Maßnahmen gefährden jedoch den Zugang von Patientinnen und Patienten zu innovativen Therapien und schwächen die pharmazeutische Industrie. Eine Anhebung und „Dynamisierung“ des Herstellerabschlags, die Einführung von Fokuslisten und faktischen „Preiscaps“ verkennen den Wert von Innovation, machen Investitionen unkalkulierbar und beschädigen das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Politik. Dies hat potentiell gravierende Folgen für Patienten, Unternehmen und die Volkswirtschaft.

Keine Versorgung nach Kassenlage!

Zur Erinnerung: Jedes Jahr leistet die Pharmaindustrie über verpflichtende Rabatte einen erheblichen Sparbeitrag für die GKV – allein 2025 rund 29 Milliarden Euro. Schon heute gibt es mehr als 30 verschiedene Preisregulierungsinstrumente, einschließlich eines bestehenden Herstellerabschlags. Weitere Abschläge hätten signifikante Folgen – und schaden volkswirtschaftlich mehr, als sie nützen. Eine Studie der Pharmainitiative Bayern zeigt, dass eine Anhebung des Herstellerabschlags um neun Prozentpunkte einen kumulierten nominalen Wertschöpfungsverlust von insgesamt 48 Milliarden Euro und einen Abbau von 21.000 Arbeitsplätzen bis 2030 verursacht.

Besorgniserregend sind auch die Folgen für die Patientenversorgung. Künftig sollen Rabattverträge auch für patentgeschützte Arzneimittel gelten – ein Instrument, das bislang nur bei Nachahmerpräparaten angewendet wurde. Das würde die Bewertung von Arzneimitteln nach ihrem medizinischen Nutzen aufweichen und eine Versorgung nach „Kassenlage“ fördern. Die Therapiefreiheit der Ärzte würde eingeschränkt und die Versorgung der Patienten weiter erschwert.

Schon heute haben deutsche Patienten aufgrund von langwierigen Zulassungsverfahren in der EU deutlich seltener Zugang zu innovativen Therapien. In Deutschland ist inzwischen jedes dritte in den USA neu zugelassene Arzneimittel nicht erhältlich. Während die US-Regierung mit schnellen Genehmigungsverfahren und Investitionsanreizen Pharmainnovation gezielt fördert, baut sie gleichzeitig handelspolitischen Druck auf Europa auf: Die von den USA eingeführte Most-Favored-Nation-Regelung koppelt die Preise für Arzneimittel in den USA an die niedrigsten Preise in den G-7-Ländern. Die drohende Konsequenz: Manche Hersteller werden bestimmte Medikamente in Deutschland gar nicht oder nur noch verspätet einführen.

Klar ist: Die europäische Pharmaindustrie verliert zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit und Gesundheitssouveränität gerade gegenüber den USA und China. Vor rund 25 Jahren war Europa noch für die Entwicklung von fast jedem zweiten neuen Medikament weltweit verantwortlich. Heute liegt dieser Anteil bei nur noch 20 Prozent. Zugleich sank der Anteil an klinischen Studien von 22 Prozent auf 12 Prozent. Das bedeutet, dass 60.000 Patienten in Europa weniger Zugang zu klinischen Studien hatten – und damit auch zu innovativen Therapien. Statt eine Trendwende in Europa einzuleiten, droht Deutschland mit der geplanten GKV-Finanzierungsreform diesen Rückstand noch zu vergrößern.

Vorbild Japan: Sparen durch Prävention

Der Koalitionsvertrag hatte sich das Ziel gesetzt, Deutschland zu einem international führenden Pharma- und Biotechnologiestandort zu machen und planbare Rahmenbedingungen für die Industrie zu schaffen. Das jetzt geplante Gesetz geht in dieser Hinsicht in die völlig falsche Richtung: Es schafft enorme Unsicherheit, verursacht erhebliche Zusatzbelastungen für die Industrie, untergräbt unsere Wettbewerbsfähigkeit und Gesundheitssouveränität und disincentiviert Investitionen in Innovation.

Richtig hingegen wäre, zunächst längst überfällige Hausarbeiten anzugehen wie etwa die vollständige Herausnahme versicherungsfremder Leistungen oder die Verschlankung der GKV-Selbstverwaltung.  Darüber hinaus gilt es, das deutsche Gesundheitsweisen fit für die Zukunft zu machen und größer zu denken: Bürokratische Hürden müssen abgebaut, Prozesse beschleunigt und Innovation gezielt gefördert werden. Zudem brauchen wir den Aufbau eines robusten Innovationsökosystems zur Unterstützung von Forschung und klinischen Studien.

Ich bin überzeugt: Pharmazeutische Innovation ist kein reiner „Kostenfaktor“. Vielmehr müssen wir Innovation als Investition in die Zukunft sehen. Frühere Screening-Angebote, um schnellere Behandlungen zu ermöglichen, können erhebliche Kosten etwa aus nachgelagerten Krankenhausaufenthalten vermeiden helfen. Hier sehen wir zum Beispiel in Japan hervorragende Beispiele im Bereich der Prävention chronischer Nierenkrankheiten. Laut einer aktuellen Prognos-Studie kann der konsequente Einsatz von Innovationen der industriellen Gesundheitswirtschaft mehr als 20 Milliarden Euro jährlich im GKV-System sparen.

Auch die Frage, wie wir Innovation angemessen honorieren, gehört auf die Agenda. Wir brauchen eine klar am Nutzen orientierte Preisbildung für Arzneimittel und müssen eine Inflationsanpassung für zugelassene Präparate ermöglichen. Aus industriepolitischer Perspektive braucht es aktive Innovations- und Resilienzförderung anstelle von völlig unpraktikablen Verschonungsregeln von einem erhöhten Herstellerabschlag für in Deutschland engagierte Unternehmen.  Und wir sollten die Chancen einer stärker kapitalfinanzierten Krankenversicherung nutzen.

Eine zielführende Diskussion um die Ausgestaltung des deutschen Gesundheitssystems für die Zukunft muss die Frage beantworten, was uns unsere Gesundheit wert ist, wie wir Patienten besser versorgen und wie wir die Gesundheitswirtschaft nachhaltig erfolgreich aufstellen können. Dazu brauchen wir eine Politik, die Verlässlichkeit bietet und Innovationen fördert, statt sie auszubremsen.

Shashank Deshpande ist Vorsitzender der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim.

2026-05-05T16:47:28Z